Hilft positives Denken wirklich?

Ich weiß nicht, wie Euer Instagram Feed aussieht, aber meiner ist voll von motivierenden Sprüchen wie „Dream big“ oder „It always seems impossible until it´s done“. Häufig wechseln sich die Sprüche mit Bildern von energiegeladenen, gesunden oder perfekt gestylten Menschen ab. Wenn ich durch die schönen Bilder scrolle, fühle ich mich besser. So, als ob ich etwas geschafft hätte. Deswegen folgen wir supergesunden Fitnessfanatikern. Deswegen schauen wir uns die stillvollen Frauen an, deren Haare immer gut sitzen. Wir wollen uns unsere eigene positive Zukunft vorstellen.

Die Frage ist: hilft positives Denken, angeregt zum Beispiel durch motivierende Bilder auf Instagram, unsere Träume wahr werden zu lassen? Gabrielle Oettingen ist eine deutsche Psychologin, die seit fast drei Jahrzehnten untersucht, wie sich positives Denken auf unsere Produktivität auswirkt. Die Ergebnisse fasst sie in ihrem Buch „Rethinking Positive Thinking“ zusammen. Die Resultate sind ernüchternd – bloßes positives Denken ist kontraproduktiv, da es das Handeln unnötig macht. Wenn man sich schöne Zukunftszenarien vorstellt, fühlt man sich so, als ob man das Ziel bereits erreicht hätte. Wozu also die Mühe, wenn man sich erfolgreich fühlen kann ohne etwas zu tun?

Warum stellen wir uns Dinge vor, welche wir wahr haben wollen, wenn es nicht dazu führt, dass sie wahr werden? Oettingen erklärt, dass Träumen oder positives Denken wichtige psychologische Bedeutung hat. Ausweglose Situationen werden dadurch erträglicher. Man kann zum Beispiel leichter einen Krankheitsfall in der Familie ertragen, wenn man sich vorstellt, dass die Person gesund wird. Phantasien helfen auch elementare Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn man durstig ist und von Cola träumt, dann trinkt man, wenn etwas zu trinken da ist. Wichtig ist, dass die Phantasie zu keinen komplizierteren Handlungen motiviert. Wenn ein Getränk in Reichweite ist, dann trinkt man. Wenn keine Cola da ist, dann steht man nicht auf um einzukaufen. Wenn die Handlung uns viel Mühe kostet oder genauerer Planung erfordert, dann ersetzt die Phantasie die tatsächliche Erfüllung des Bedürfnisses.

Um in dem angenehmen Zustand des Träumens zu verweilen, suchen wir nach Informationen, die den Traum weiter leben lassen. Wir sehen nur positive Seiten der geträumten Zukunft, wir finden stets Gründe dafür, warum es angebracht ist in Träumereien zu verfallen. Somit ist das Träumen doppelt gefährlich, wenn wir tatsächlich handeln wollen. Einerseits sind wir weniger motiviert zu handeln, da wir entspannt und zufrieden mit uns selbst sind, andererseits halten wir die Illusion für wahr und versuchen nicht ihr zu entkommen. Unterbewusst wissen wir, dass wir durchs bloße Träumen nichts erreichen und das führt langfristig zur Depression und Frust.

Zum Glück stellt Oettingen neben den enttäuschenden Resultaten eine Methode des effizienten Träumens vor. Die Methode nennt sie mentales Gegenüberstellen (mental contrasting). Das Prinzip ist einfach – man sollte nicht nur träumen, sondern auch der Realität ins Auge sehen. Genauere Vorgehensweise wird von Oettingen WOOP genannt. WOOP ist eine Abkürzung für die vier Phasen der vorgeschlagenen geistigen Übung: wish, outcome, obstacle, plan. Genau macht man folgendes:

(Wish) Als erstes sollte man einen realisierbaren Wunsch bestimmen.

(Outcome) Dann sollte man sich die Erfüllung des Traums bildhaft vorstellen. Man sollte sich ausmalen, wie man sich fühlt oder aussieht, welche Konsequenzen die Realisierung des Ziels auf das Leben hat. Man kann die Vorstellung aufschreiben und sich bei der nächsten Durchführung der Methode laut vorlesen. Wichtig ist den Traum nicht zu rationalisieren – man geht sowohl beim Vorstellen, als auch beim Aufschreiben spontan von einem Bild zum nächsten über.

(Obstacle) Dann sollte man sich fragen, warum der Traum nicht wahr werden sollte. Was hindert uns daran den Traum zu verwirklichen? Die Methode funktioniert nur, wenn man sich selbst gegenüber ehrlich ist. Unser erster Instinkt ist es nämlich, äußere Umstände für das Versagen verantwortlich zu machen. Häufig ist es aber so, dass die Gründe fürs Nichtstun in uns selbst liegen. Wir haben Angst, dass wir anders werden könnten, wenn der Traum wahr wird. Mark Manson hat darüber einen sehr klugen Text geschrieben: schlauer Text.

Die Hindernisse zu finden ist der schwierigste Teil der Methode. Häufig erst nach ein paar Tagen oder Wochen der Übung verstehen wir den Mechanismus, der dazu führt, dass wir den Traum nicht verwirklichen. Oettingen gibt ein gängiges Beispiel. Eine Frau will abnehmen. Das Problem ist, dass sie gerne Süßes isst. Sie führt es auf Stress zurück – unsere Kultur verleitet dazu, alles mit dem Stress zu erklären. Also entspannt sie sich und isst noch mehr Süßes. Dann merkt sie, dass sie immer dann nascht, wenn sie den Fernseher einschaltet um zu sehen, was läuft – sie nascht, wenn sie sich langweilt. Langeweile ist der wahre Grund und nicht der Stress. Erst wenn wir wahre Gründe kennen, können wir von der WOOP Methode profitieren.

(Plan) Im letzten Schritt sollte man sich notieren, wie man handeln wird, wenn ein Hindernis aufkommt. Wenn ich zum Beispiel abnehmen möchte und immer dann nasche, wenn ich gelangweilt bin, schreibe ich auf: „Wenn ich merke, dass ich gelangweilt bin, dann stehe ich auf und mache ein paar Dehnübungen“. Solche wenn-dann Sätze helfen dabei ein neues Verhalten zu etablieren. Das Verlangen nach Ablenkung wird durch ein neues Verhalten erfüllt und man braucht nicht nach Süßem zu greifen.

WOOP führt nur dann zum Handeln, wenn man den Traum für wahrscheinlich und realisierbar hält. Diejenigen Träume, die wir, auch unterbewusst, für unrealistisch halten, werden nicht verwirklicht. Die Methode verringert sogar die Wahrscheinlichkeit, dass wir in diesen Fällen etwas unternehmen. Der Vorteil ist – wir verschwenden keine Zeit für Ziele, die wir wahrscheinlich sowieso nicht erreichen würden. Der Nachteil könnte darin liegen, dass wir manchmal eine falsche Vorstellung davon haben, welche Ziele realisierbar sind. Wenn ich ernsthaft davon ausgehe, dass es für mich unmöglich ist abzunehmen, dann werde ich auch mit WOOP nicht schlanker. Oettingen argumentiert, dass solche grundsätzlich falsche Einschätzungen selten sind. Psychisch stabile Menschen orientieren sich in ihren Einschätzungen an vergangenen Erfolgen und an den Erfolgen anderer. Bei vielen Zielen gewinnen wir so eine realistische Einschätzung, ob ein Traum durchsetzbar ist.

WOOP scheint eine Methode zu sein, die unseren intuitiven Überzeugungen entspricht – bloßes Träumen hilft nicht, man muss gezielt und methodisch an dem Traum arbeiten. Sie ist einfach durchzuführen und erfordert keiner Hilfe eines Spezialisten. Ich werde die Methode ausprobieren und schauen, ob sie mir bei Realisierung von Zielen hilft. Kennt Ihr Methoden, wie man sich effizient Ziele setzt? Wenn Ihr weitere Psychologie- Organisations- oder Selbsthilfebücher empfehlen wollt, schreibt in den Kommentaren.

Karikatur: kindofnormal.

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Ein Gedanke zu “Hilft positives Denken wirklich?

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